I. EREIGNISSE

"L´événement pour l´historien est une fête." Arlette Farge

Ausgehend von über 400 Schilderungen von "Ereignissen" werden 66 Jahre europäischer Geschichte (1492-1558) erzählt und untersucht. Im Wissen, dass "Epochengrenzen" vielfach diskutierbare, wissenschaftliche Konventionen darstellen, werden als Zäsuren die (politischen) Eckdaten 1492 (Fall Granadas, Kolumbus´ "Entdeckung") und 1558 (Tod Karls V., Beginn der Regierung Elisabeth I.) verwendet, ohne dass es dadurch zu einer Hypostasierung einer Periode kommen soll. Im Gegenteil: Betont wird die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", die Heterogenität und die Widersprüchlichkeit jener Zeit. Durch eine mit dem Inhalt korrelierende, typisierte Verlinkung werden Zusammenhänge und Interdependenzen für die BenutzerInnen spielerisch greifbar. Fernab von Polemiken beschränkt sich der Ereignisbegriff nicht auf die (politische) Geschichte der Herrschenden und Mächtigen (auf die sogenannten "großen Männer" und/oder die "Geschichte der Sieger"), sondern schließt, neben der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die Alltags-, Kultur- und Gendergeschichte gleichwertig mit ein und betont damit ihre Bedeutung für das Verständnis eines Zeitalters. Diese Ereignisse sind Kurzbeschreibungen von "Fallbeispielen", die im Hypertextnetzwerk jeweils einen hohen Grad von (inhaltlicher) Isolierbarkeit und eine große Zahl von assoziativen Querverweisen aufweisen. Eine kohäsiv geschlossene Textsorte also, die nicht-lineare Strukturmittel verwendet und damit für eine digitale Anwendung prädestiniert erscheint. In Verbindung mit Begriffserklärungen und Kurzbiographien bilden die "Ereignisse" die primäre Ebene, auf der sich die BenutzerInnen durch Zeit und Raum bewegen können. Bei diesen kurzen Texten handelt es sich um wissenschaftlich-rekonstruierte "Geschichten", die sich an ein breites Publikum richten, das gleichermaßen WissenschaftlerInnen, Studierende und Geschichtsinteressierte einschließen kann. Demnach sind diese Texte nicht formelhaft, enzyklopädisch-trocken verfasst, sondern werfen Schlaglichter auf einen bestimmten Moment, auf ein bestimmtes Ereignis des 16. Jahrhunderts. Ziel dabei ist es, zum Weiterlesen und lustvollen Entdecken zu verführen, eine Faszination für das Fremde und Entfernte dieser Zeit zu wecken. Das bedeutet aber, dass nicht nur jene großen Entwicklungslinien dargestellt werden, die bis in die Gegenwart wirken, sondern dass gleichzeitig auch erlebbar gemacht wird, dass das 16. Jahrhundert selbst einmal offene, intensive Gegenwart war und bestimmten Ereignissen aus damaliger Perspektive ganz andere Bedeutung zugemessen wurde, als wir Nachgeborenen das tun. Gewiss besteht hierbei die Gefahr, ins Anekdotenhafte, in die vielgescholtene histoire evénémentielle (die nicht nur und nicht notwendigerweise politische Geschichte ist) abzugleiten. Im Bewusstsein dessen wird versucht, aus den einzelnen "Ereignissen" problemorientiert das repräsentative und charakteristische Moment für jene Zeit herauszulösen. Damit ist nicht gemeint, dass nur jene Vorkommnisse, Ideen und Taten Beachtung finden, die "sichtbare" Konsequenzen mit sich brachten, sondern auch jene - im Sinne einer "offenen Geschichte" - die Widerstand und Alternativen zum "Mainstream" des real Umgesetzten in sich bergen bzw. aufzeigen. Insofern werden auch jene Momente beleuchtet, in denen mehrere Möglichkeiten nebeneinander bestehen; in ihnen entscheiden Individuen mit ihren Fehlern und Fähigkeiten darüber, was - oft unreflektiert - als vermeintliche "Notwendigkeit" in die Geschichte eingeht. Sie halten durch ihre Akte der Entscheidung die Geschichte offen. In den Ereignisbeschreibungen artikulieren sich Strukturen. Im Medium von Ereignissen werden sie greifbar. Umgekehrt sind dauerhafte, längerfristige Strukturen Bedingungen möglicher Ereignisse, - jenen wird in der Ebene der Kontexte Platz eingeräumt.