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BEWEGTES
WISSEN - Hypertext und Navigation
"Wissenschaftliche
Arbeit besteht nicht darin, von der Komplexität zur Einfachheit überzugehen,
sondern darin, eine besser verständlichere Komplexität an die
Stelle einer weniger verständlicheren zu setzen." Claude Lévi-Strauss
Auf
Grundlage von informationswissenschaftlichen, medientheoretischen und
sprachwissenschaftlichen Überlegungen rund um "Hypertext",
"Multimedialität" und "Interaktivität" wurde
ein Hypertextnetzwerk konzipiert, das die in der Theorie formulierten
Hoffnungen, Ziele und Wünsche umzusetzen versucht. Durch das Ausschöpfen
der Möglichkeiten des "neuen", nicht-linearen Mediums wird
ein "informationeller Mehrwert" (Serendipity-Effekt) auf Seiten
der Rezeption angestrebt. Browsen und Lesen bedeutet im Hypertext Assoziation,
im Bestfall Bildung "informativer Überschüsse"; d.h.
ein Effekt, bei dem während der Navigation die Mitnahme von Informationen
so stark wird, dass sie über das ursprüngliche Erkenntnisinteresse
hinausgehen kann. Fragmentierung und Kontextualisierung Mittels der graphisch-sinnlichen
Navigationstools des Zeitrades, mit dem die BenutzerInnen sich frei von
Jahr zu Jahr bewegen können sowie einer aus zeitgenössischen
Elementen zusammengesetzten Landkarte, die zur räumlichen Orientierung
dient, wird eine spannungs- und abwechslungsreiche Reise durch das Europa
der Frühen Neuzeit ermöglicht. Ähnlich wie in der Architektur
ergeben sich Bedeutung und Funktion, Fragmentierung und Kontextualisierung
durch das räumliche, zeitliche und inhaltliche Neben-, Nach- und
Zueinander. Die Erfahrung des Sich-in-etwas-Bewegens trägt zum Verständnis
des Gesamten bei. Wie tief in ein Wissensgebiet eingedrungen wird, welche
Links verfolgt werden und nach welchen Gesichtspunkten man sich durch
Thematiken bewegt, entscheiden die BenutzerInnen. Verständnis und
Bezug zur Materie erhalten durch diesen assoziativen und interaktiven
Zugang eine neue, erweiterte Dimension: ein weiterer Teil der Intelligenz
wird vom Sender zum Empfänger verschoben. Die Struktur der Website
soll die BenutzerInnen dazu anregen, Zusammenhänge zwischen den einzelnen
Texten von unterschiedlichen AutorInnen selbst herzustellen. Die Website
will nicht vorführen, sondern zum Eintauchen in die Materie verführen.
Navigations- und Orientierungshilfen, ein multiples Suchsystem, inhaltlich
und hierarchisch gestaffelte, dynamische Linkangebote erleichtern eine
von benutzerspezifischen Interessen geleitete Rezeption. Indem die Interdependenzen
und semantischen Bezüge zwischen den kohäsiv geschlossenen,
autonomen Texteinheiten visualisiert sind, werden die RezipientInnen bei
der Kohärenzbildung und Orientierung in diesem virtuellen Textraum
unterstützt. Typisierte Linkangebote Neben Zeitrad und Landkarte
als Hauptnavigationstools wurden - speziell auf den Inhalt dieser Anwendung
abgestimmt - diverse Navigationsmöglichkeiten und "Linksorten"
konzipiert, die eine Vielzahl von Bahnen durch das Hypertextnetzwerk schlagen:
-
Mit Hilfe der Themenfilter kann man sich auf eines der 18 angebotenen
Themengebiete spezialisieren. Entwicklungen und Tendenzen in einem Bereich
werden so auch in der Ebene der Ereignisse über Momentaufnahmen
transparent.
- Das
chronologische Blättern ermöglicht - unabhängig von thematischer
Eingrenzung - von Ereignis zu Ereignis zu springen. Hier wird die widersprüchliche
und heterogene Welt des 16. Jahrhunderts erlebbar. Schlag auf Schlag
wechseln sich bedeutende Werke von Humanisten mit Beschreibungen von
Seuchen und Krieg, vermeintlich idyllische Renaissance-Malerei mit Schilderungen
von Vertreibung, Verfolgung und Totschlag ab.
- Links
zu Personen und Begriffen bieten in den meisten Fällen eine Kurzbiographie
bzw. eine Begriffserklärung und binden Texte, in denen der jeweilige
Name bzw. Begriff vorkommt, zusammen. Interessiert die BenutzerInnen
etwa der Begriff Humanismus, können sie nicht nur eine dementsprechende
Begriffserklärung rezipieren, sondern erhalten zudem auch eine
Liste mit Links zu all jenen Texten, denen der Begriff zugeordnet wurde.
- Neben
diesen Linkangeboten wurde eine Kategorie von Verknüpfung konzipiert,
die sich sozusagen zwischen den personenbezogenen/begrifflichen Links
und den Themenbereichen befindet. Es handelt sich hierbei um Links,
die fernab von vorschneller thematischer Eingrenzung und begriffs- bzw.
personenbezogener Engführung Texte miteinander verbinden und quer
zu den angebotenen Themenbereichen Schneisen durch das Hypertextnetzwerk
schlagen. Diese "Schneisenlinks" führen unter einem eher
spielerisch-offenen Aspekt durch unterschiedlichste Bereiche der Geschichtswissenschaft
bzw. der durch sie rekonstruierten vergangenen Wirklichkeit. Überraschende
Zusammenhänge und unerwartete Perspektiven können sich dabei
ergeben. (insgesamt über 20 Angebote wie etwa: Himmel und Hölle,
Leib und Seele, Silber und Gold, Zucht und Ordnung, Not und Elend etc.)
Gemeinsam
ist allen Navigationsangeboten, dass sie jeweils auf den aufgerufenen Inhalt
reagieren und mit ihm korrelieren. Weiters sind all diese dynamischen Linkangebote
typisiert; d.h. den BenutzerInnen wird verdeutlicht, über welchen Aspekt
sie zu welchen anderen Inhalten navigieren können. Die BenutzerInnen
können somit bereits vor dem Aktivieren eines Links eine Vorentscheidung
zwischen den diversen Linkangeboten treffen, da ein kurzer Hinweis auf den
Inhalt der angebotenen Zieldokumente (in den sog. "Querlinks")
vorab gegeben wird. Dieses Tool kann die UserInnen bei der Kohärenzbildung,
also beim Aufbau eines individuellen roten Fadens entscheidend unterstützen;
da sie nämlich nun bereits vorab Informationen in der Hand haben, auf
deren Grundlage sie entscheiden können, zu welchen Inhalten sie sich
hinbewegen (können) und in welchen Kontext sich die jeweiligen Texte
befinden. Diese typisierten Links schaffen die Voraussetzung für die
Möglichkeit einer Kontextualisierung, die ja - wie schon erwähnt
- bei Hypertext vielmehr auf Seiten der RezipientInnen liegt. Es ist ein
Tool, mit dem das Spiel von Fragmentierung und Kontextualisierung organisiert
werden kann: die Fragmentierung des Inhalts in Informationseinheiten kann
dadurch in eine benutzergeleiteten Kohärenzbildung münden. |